ICH BIN Tjelle.

Ich habe einen Bruder. Bjarne wurde 2006 geboren. Er ist Autist, physisch und geistig eingeschränkt.

Man erkennt ja sofort, dass Bjarne anders ist und etwas speziell. 


Wenn kleine Kinder gucken, verstehe ich das. 

 
Manchmal erkläre ich ihnen dann, dass er anders ist. Ich nutze ungern das Wort behindert, weil es andeutet, dass es ihn an etwas hindert. Ich benutze lieber das Wort eingeschränkt. 


Risiken und Nebenwirkungen…
Bjarne hat Platzangst. Freizeitparks und Restaurants sind schwierig. Theater oder Kino auch, wegen seiner lauten Stimme und weil er soviel laut nachfragt, was los ist. Daher sind wir meist eher zu Hause.  

Das tut uns gut.
Seit ein paar Jahren haben wir uns angewöhnt, getrennt Urlaub zu machen. Für meine Eltern ist das viel entspannter, und wir haben mehr Zeit miteinander und können auch mal andere Sachen machen. Mit Urlaub konnte Bjarne nie so viel anfangen. Er wollte immer zurück nach Hause in seinen Alltag und zu seinem Fahrrad. Außer Mallorca: Da haben wir eine Wohnung geerbt, da war er schon häufiger; da kennt er sich jetzt schon aus und kennt die Eisdiele. Das findet er glaube ich cool.

 
Er ist ein ganz lieber. Ich empfinde Bjarne nicht als so belastend. Aber ich erziehe ihn ja nicht. Ich passe relativ oft auf ihn auf, wir teilen uns ein Bad und haben unsere Zimmer nebeneinander und meine Eltern im anderen Stock. 
 

Ich habe die Rolle eines großen Bruders, obwohl ich der kleine Bruder bin.

 
Unser Alltag ist sehr simpel, neue Sachen kommen nicht so gut an. Bei vielen von uns. Unser Alltag ist sehr einfältig. Aber das hat auch seine Ordnung. Wir probieren, für ihn alles simpel und einheitlich zu halten. Er hat gerne seinen strukturierten Lebensalltag, und das wirkt auf unsere Familie.


Was Bjarne gerne tut? Gärtner angucken. Er fährt mit einem Dreirad dorthin, ein E-Bike. Er fährt mit dem Fahrrad gerne rum, geht mit Papa Eis essen, einkaufen und Bauarbeiter beobachten. Er guckt gerne Serien auf seinem iPad, vor allem Star Wars und Piraten. Er nimmt viele Sprachaufnahmen auf, macht Fotos und ist sehr musikalisch. Manchmal beschäftigen ihn Sachen. Dann steht er mitten in der Nacht auf und stellt seinen Schreibtisch um.

 
Ich sehe Bjarne weniger als Last, eher als Teil der Familie. Klar finde ich es mal cool, von der Familie weg zu sein. Aber eher als Teenager, das weniger mit Bjarne zu tun. 


Durch Bjarne habe ich Empathie gelernt.
 

 
Ich kann gut Probleme lösen. Womit ich nicht umgehen kann, ist, wenn jemand weint. Sich hineinversetzen und erkennen, was jemand braucht: Das kann von Bjarne kommen. 

Was gar nicht geht?
Ich finde den Begriff behindert ziemlich schlimm.
 

 Die Hauptaussage ist: Diese Person kann etwas nicht. Man schiebt die Leute in eine Kategorie unfähig. Der Fokus liegt so sehr auf dem Defizit, es ist negativ konnotiert und impliziert: Du bist etwas Schlechteres. Anstatt zu sagen: Du gibst dir so viel Mühe, obwohl du Sachen nicht kannst / eingeschränkt bist.


Menschen mit Einschränkungen müssen sich viel mehr Mühe geben, sich zu integrieren. Man unterliegt vielen Vorurteilen und wird als komisch oder weirdo abgestempelt. 


Ich finde es toll, wie sehr sich diese Personen bemühen. 


Darauf sollte man viel mehr achten als darauf, was die Person nicht kann! Und wenn jemand das dann noch als Schimpfwort benutzt: Das haben die Leute einfach nicht verdient. 


Meine Eltern suchen seit kurzem nach einer Einrichtung, in der Bjarne perspektivisch leben kann. Er soll früh lernen, nicht mehr zu Hause zu leben. Und meine Eltern wollen irgendwann ja auch mal wieder ihre Freiheit zurück. 

Mein Tipp! 
Das Mindset ist wichtig. Wie man sein Geschwisterkind sieht. Und zwar nicht als Fehler. 


Ich würde mir nie wünschen, dass ich ein anderes Geschwisterkind hätte ohne Behinderung. 


Bjarne ist Bjarne und soll das auch bleiben. 


Am Geschwisterkindprojekt ist schön, Sachen machen zu können, die mit Bjarne nicht gehen würden. Ich finde es mit der Übernachtung toll, die Leute sind alle sehr cool drauf, es macht immer viel Spaß. Es ist ein cooles Projekt. 

 
Es geht gar nicht immer so viel um unsere Geschwisterkinder, aber so ein Geschwisterkind zu haben, prägt ja. Man guckt immer, wie geht es der anderen Person, passt ein bisschen auf. Das färbt ab, das ist eine positive Eigenschaft. Dadurch sind die Leute hier sympathisch, ich finde die Leute netter. 

 

Man ist nicht einfach rücksichtslos.

TJELLE

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