ICH BIN ANNA.
Ich habe eine Schwester. Eva wurde 1995 geboren und hat das Williams-Beuren-Syndrom.
Ich habe auch einen Bruder. Er heisst Daniel, wurde 1989 geboren und hat eine Lese-/Schreibbeeinträchtigung
Was gar nicht geht?
Dass man Menschen mit Behinderung in Wolle packt. Ich arbeite selbst in einem Wohnhaus und erlebe, dass viele sich etwas gefallen lassen von einem Menschen mit Behinderung. Zum Beispiel, dass man sich abknutschen lässt. Ich fänd es viel besser, wenn die Leute Grenzen setzen würden – also Grenzen ziehen wie man es auch bei jemandem ohne Behinderung tun würde. Dass man Menschen mit Behinderung nicht anders behandelt, sondern wie einen normalen Menschen. Davon hätten doch die Menschen mit Behinderung auch viel mehr.
Risiken und Nebenwirkungen…
Man hat wenig Privatsphäre. Das ist auch ein Grund, warum ich ausgezogen bin. Ich weiß, dass alle meine Freunde damit gut umgehen. Aber ich möchte das nicht immer. Zum Beispiel, dass meine Schwester mir die Aufmerksamkeit raubt.
Einerseits möchte ich mich manchmal distanzieren, andererseits habe ich das Gefühl, es nicht immer zu können. Weil man das Gefühl hat, niemanden damit alleine lassen zu wollen. Man kann sich nicht so gut von der Familie abkapseln. Das ist einerseits positiv, weil es ein großer Zusammenhalt ist, und andererseits negativ, weil es manchmal einfach zu viel ist.
Zukunftsängste
habe ich auch. Was ist, wenn meine Eltern nicht mehr da sind? Ich fühle mich für meine Schwester und meinen Bruder verantwortlich.
Ich liebe den Umgang mit Menschen mit Behinderung, habe eine soziale Ader und gehe ganz bewusst in diese berufliche Richtung. Ich studiere Soziale Arbeit und sehe mich zum Beispiel als Wohnhaus-Leitung. Ich würde da einiges anders machen als ich es jetzt erlebe.
Menschen mit Behinderung werden oft wie Kinder behandelt, Leute reden in Babysprache mit ihnen, das finde ich super nervig. Viele Menschen mit Behinderung sind in ihrer Bubble, das verstärkt die Ticks. Der Blick in die normale Welt fehlt.
Sich mit Freunden zu treffen und dafür rausgehen, das hilft immer. Auch mit der Familie, mit Mama, darüber zu reden. Ein Reality-Check: Ich darf mich distanzieren. Das hilft. Manche Freunde kommen sehr gut klar mit meiner Schwester und können gut mit ihr reden.
Man darf auch einfach mal ehrlich sein und sagen: Die Behinderung nervt mich gerade. Man muss auch mal streiten. Ich streite mit meiner Schwester genauso wie mit meinem Bruder, der keine Behinderung hat. Das ist wie mit der Wolle, in die manche Leute Menschen mit Behinderung packen. Ich finde das nicht gut.
Ich sage meiner Mutter auch mal, dass mir etwas zu viel ist. Ich sage auch mal: Ich habe gerade mal keinen Bock auf Menschen mit Behinderung oder diese bestimmte Person, ob mit Behinderung oder nicht.
Manchmal schäme ich mich, wenn ich von meiner Schwester genervt bin. Weil ich dann denke, dass sie ja nichts dafür kann. Aber es muss auch ok sein, mal genervt zu sein.
Ich bin die ältere Schwester, obwohl ich die jüngere Schwester bin.
Ich besitze viel Aufgeschlossenheit für alle möglichen Menschen, die anders oder verschieden sind.
Und Humor! Manchmal haben sie ihre Spacken – und manchmal, wenn eine Krise ist, hilft nur ein Witz oder ein Lachen.
Wenn meine Schwester nicht mehr zu Hause wohnen kann, wünschen wir uns eine Mini-WG für sie. Daniel würde gern in eine Art WG nach Adendorf ziehen, wo er auch arbeitet. Ich würde mir wünschen, dass er mehr aus sich herauskommt. Er ist etwas dazwischen. Er schottet sich manchmal ab. Er merkt, dass wir Geschwister weiter sind. Ich wünsche ihm, dass er ein bisschen über seinen Schatten springt und ein bisschen mehr Normalität in seinem Leben hat.
Ich bin glücklich, dass ich Geschwister mit Behinderung habe.
Ich habe da sehr viel herausgezogen. Ich wäre ganz anders geworden sonst. Ich hätte nicht so ein starkes Empathieempfinden und hätte vielleicht auch Berührungsängste. Ich habe sehr viel erlebt, auch viele Krisen. Das hat mich stark gemacht und robust für weitere Krisen, die irgendwann kommen.
Eva ist sehr menschenfreundlich, sie liebt es, dabei zu sein und sich zu unterhalten. Sie ist sehr musikalisch und kennt ganz viele Texte, obwohl sie nicht einmal Englisch kann. Sie wäre gern sehr selbständig, aber es funktioniert eben vieles nicht so, wie sie es gerne hätte.
Daniel braucht auch seine Familie, macht aber manchmal den Grummelbär, dass er gern alleine ist. Er mag sehr gerne Autos, Traktoren, Feuerwehr. Er hat sehr viel Humor.
Hier im Geschwisterkindprojekt gehen viele junge Leute sehr offen mit ihren Gefühlen um. Hier sind alle sehr aufgeschlossen und gehen dafür, dass sie noch sehr jung sind, sehr reif damit um.
Hier muss sich keiner schämen, etwas zu erzählen, keiner lacht.
Aber die Behinderung unserer Geschwister steht hier gar nicht im Vordergrund.

